Play/Pause Arbeit und Leben
Kapitel 3

ARBEIT UND LEBEN Kapitel 3

Im letzten Licht der untergehenden Sonne werfen Träger Säcke über ihre Schultern, als seien die fünfzig Kilo Reis gar nichts. Braun gebrannt, mit freiem Oberkörper, sehnig und barfuß balancieren sie über die schmalen Planken und versenken ihre Last im Bauch des Schiffes. Kaum ist einer der ratternden Pick-ups entladen, kommt der nächste. Bei Flutlicht geht das so bis zum Morgengrauen, untermalt von ohrenbetäubendem Techno und Bollywood-Kreischen, das aus mannshohen Boxen in den Zelten am Ufer dringt. Wer nicht gerade schleppt, hockt im Staub und trinkt Mandalay-Bier, bei dem man für zehn Kronenkorken ein T-Shirt bekommt, oder vertreibt sich die Zeit mit Karaoke, eine vielstimmige Kakophonie, die so gar nicht zu der sternklaren Nacht am Oberlauf des Ayeyarwady passen will. Aber die Burmesen sind nicht anders als die anderen Asiaten: Sie mögen es laut. Lärm vertreibt die Geister.

Die Geister erscheinen im Morgengrauen, wenn man auf der Seite des Dampfers, die vom Ufer abgewandt ist, an der Reling steht. Nebelschwaden erheben sich aus dem Wasser, bis man kaum noch die Hand vor den Augen sehen kann. Der krächzende Schatten, ein großer Vogel? Das Plätschern, ein Ruderboot? Das Dröhnen der Musik und der Generatoren ist hier nur ein Echo, und das abgestellte Glas scheppert ein wenig im Techno-Rhythmus. Die Mannschaft hat sich mit ein paar Flaschen Grand Royal Whisky und einem Blecheimer voller Eiswürfel in einer Kabine eingeschlossen, die Frau des Kapitäns versucht mit einem Dietrich die Tür zu öffnen. Sie kann es nicht leiden, wenn die Männer trinken. Stumm und verbissen werkelt sie an dem Schloss. Schließlich geht die Tür auf, und nach einem Wortgefecht fliegen in hohem Bogen ein paar Flaschen ins Wasser. Die Party ist vorbei.

Ein hölzernes Fischerboot verschwindet im Nebel und setzt zu einer Sandbank über. Auf diesen temporären Inseln leben während der Trockenzeit ganze Familien, die Kies aus dem Flussbett schürfen, den sie an Baufirmen verkaufen. Denn so breit und mächtig der Ayeyarwady ist, so flach ist er acht Monate des Jahres. Sandbänke und Felsen sind tückisch für die Schifffahrt, die für die meisten Waren und Passagiere immer noch das einzige Verkehrsmittel darstellt. Erst, wenn die Sonne den Dunst auflöst, können die Schiffe am Morgen ablegen, am Bug zwei Männer mit langen Bambusstangen, die die Wassertiefe kontrollieren. Bei eins fünfzig ist Schluss. So viel brauchen die Frachter und Fähren mindestens unter ihrem Kiel.

Nur die Flöße aus Teakstämmen oder Bambus kommen mit weniger Wasser aus und treiben im Schritttempo Richtung Süden. Entlang der Flüsse kommt die Zeit leicht abhanden. Wie vor Jahrhunderten waschen Frauen ihre Wäsche im Fluss, verlieren sich Hütten unter den Bäumen am Ufer, und die Stupas auf den Hügeln sind die markantesten Zeichen der Zivilisation.

Nur, wenn ein Schiff anlegt, bricht Hektik aus. Frauen mit Körben voller Lunchboxen, Snacks und Getränke springen an Bord, Hände voller Obst strecken sich den Reisenden entgegen, Kinder winken, undefinierbare Säcke und Kisten werden von oder an Bord getragen, Pakete wechseln den Besitzer. Vom Landungssteg in den dörflichen Alltag sind es meist nur ein paar Schritte. Ein Kloster, eine kleine Schule und ein Laden, wenn man Glück hat. Staubfarbene Hunde dösen im Schatten. Das Dorf liegt wie ausgestorben da, alle haben rasch etwas zu erledigen, alle drängen sich am Schiff. Denn bis das nächste kommt, kann es dauern.

Im Fluss der Langsamkeit

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Kapitel 1 - Flüsse und Boote

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Kapitel 2 - Märkte und Handwerk

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Kapitel 3 - Arbeit und Leben

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Kapitel 4 - Pagoden, Stupas und Nats

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Kapitel 5 - Glaube und Buddhismus

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Kapitel 6 - Menschen und Menschliches

Kapitel 6

Menschen und Menschliches

Burma/MyanmarIM FLUSS DER LANGSAMKEIT

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