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Kapitel 6

MENSCH UND MENSCHLICHES KAPITEL 6

Rund vierundfünfzig Millionen Menschen leben derzeit in Myanmar, ein Großteil davon im zentralen Tiefland, nur etwa ein Viertel in den Städten. Größte Volksgruppe mit einem Anteil von knapp siebzig Prozent sind die Burmesen, Birmanen oder Bamar. Die Minderheitenvölker bewohnen hauptsächlich die gebirgigen Randgebiete des Landes in sogenannten »States«, welche die Außengrenzen Myanmars bilden. Die Gebiete, in denen vorwiegend Burmesen leben, heißen »Divisions«. Dieses Konstrukt und auch die Autonomiebestrebungen der Minderheiten gründen auf dem willkürlichen erfundenen Gebilde der Kolonie Britisch-Indien, das ursprünglich aus unabhängigen Staaten bestand.

Kann es in diesem Vielvölkerstaat so etwas wie eine nationale Psyche oder Identität geben? Diese Frage zu bejahen, hieße, Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft über einen Kamm zu scheren. Dennoch führt ein gemeinsamer kultureller Hintergrund zu ähnlichem Verhalten. Und so sind in Myanmar für viele Reisende das Beeindruckendste die Menschen. Gerade außerhalb der Städte präsentiert sich dem Besucher ein überraschend zufriedenes, gastfreundliches und glückliches Volk, das sich trotz oder vielleicht gerade wegen des harten täglichen Überlebenskampfes sein Lächeln bewahrt hat. Vielleicht hat es mit dem buddhistischen Gebot zu tun, sein Schicksal anzunehmen.

Als Reisender, der weder Konkurrenz noch Bedrohung darstellt, trifft man auf große Hilfsbereitschaft und Neugier, selbst wenn das burmesische Gegenüber keinen Vorteil davon hat. Die Menschen lieben es, sich und ihr Land vorteilhaft darzustellen. Kritik, zum Beispiel an der Regierung, dem Militär oder schlechten Straßen, sollte erst vom einheimischen Gesprächspartner kommen. Dann kann man durchaus darauf einsteigen, schließlich sind die Einheimischen nicht blind. Beginnt jedoch der Fremde damit, ihr Land schlechtzumachen, sind sie schnell gekränkt. Am besten verpackt man Kritik in einem Lob, etwa nach folgendem Muster: Burma hat die schönsten Pagoden der Welt, aber an den Straßen könnte man vielleicht noch arbeiten.

Auch eine gewisse Unsicherheit spielt im persönlichen Umgang mit Ausländern eine Rolle. Schließlich war jeder Kontakt zu ihnen viele Jahre unerwünscht und zog die Aufmerksamkeit der Geheimpolizei auf sich. Insofern tut man lieber gar nichts als etwas Verkehrtes. Und man lächelt. Ein Lächeln ist in Myanmar immer angebracht. Zur Begrüßung, bei einer Frage oder auch, wenn man nicht genau weiß, was man mit dem Fremden anfangen soll. Oder wenn man nicht verstanden hat, was er gerade will. In vielen Ländern Asiens ist es üblich, lieber gar nichts zu tun, als etwas falschzumachen. Und ein Lächeln ist eben die angenehmste Form, nichts zu tun.

Schließlich droht bei Fehlern die Höchststrafe eines jeden Asiaten: Gesichtsverlust. Man kann diesen mit dem Gefühl einer schweren Blamage vergleichen. Wer ein Problem hat und wütend wird, verliert dabei sein Gesicht ebenso wie der Beschimpfte. Respektvoller Umgang ist nur möglich, wenn man den Emotionen keinen freien Lauf lässt, und Harmonie ist eines der obersten Verhaltensprinzipien. Dafür, was wirklich hinter einem Lächeln steckt, bekommt man ganz schnell ein Gefühl.

Im Fluss der Langsamkeit

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Kapitel 6 - Menschen und Menschliches

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Burma/MyanmarIM FLUSS DER LANGSAMKEIT

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